German Movies

Notizen zum Deutschen Film.

Archiv für Oktober 22, 2006

Sommer vorm Balkon

D 2005. R: Andreas Dresen. B: Wolfgang Kohlhaase. K: Andreas Höfer. S: Jörg Hauschild. M: Pascal Comelade. P: Peter Rommel Productions/X Filme. D: Inka Friedrich, Nadja Uhl, Andreas Schmidt, Stefanie Schönfeld, Christel Peters, Kurt Radeke, Hannes Stelzer, Fritz Roth u.a. 107 min. X Verleih ab 05.01.06
„Kommst du mit in den Alltag?“ fragte Jochen Distelmeyer in einem älteren Blumfeld-Song und gab damit die Richtung vor, die auch Andreas Dresens neuer Film „Sommer vorm Balkon“ wieder einmal einschlägt: Hinein ins Leben der sogenannten kleinen Leute, zu ihren Geschichten und Problemen, gerne auch etwas unschön Schicksale genannt. Das diesen Geschichten eine besondere Poesie innewohnt, zeigt Dresens eindrucksvolle Filmographie, die stets zwischen Inszeniertem und Improvisiertem pendelt und einige der schönsten, wahrsten Momentaufnahmen im jüngeren deutschen Kino festhielt. „Sommer vorm Balkon“ schreibt einerseits diese Tradition des Suchens und Beobachtens fort, setzt dem allerdings ein Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase entgegen, dessen lakonische Dialoge bis aufs Satzzeichen durchkomponiert scheinen.

Zwei Freundinnen, Katrin und Nike, sitzen auf dem Balkon eines alten Mietshauses im sommerlichen Berlin und philosophieren über das Leben, die Liebe und die Männer, die beides so schwierig machen. Der Sohn von Katrin schwärmt für seine hübsche Mitschülerin, die allerdings nur Augen für den cooleren Klassenkameraden zu haben scheint. Und Nikes Kunden, die Senioren ihrer ambulanten Altenpflegetour, sehnen jene Zeiten herbei, als alles irgendwie besser war und selbst der Krieg noch zur romantisch verklärten Anekdote taugt.

Drei Generation werden so beleuchtet, nicht exemplarisch, sondern ganz individuell, auch nicht mit einem abstrakten Authentizitätsbegriff belastet, sondern stets als überhöhte Realität eines Kinofilms erkennbar. Der Werbeslogan „So ist das Leben. Aber wirklich!“ ist dabei keineswegs als Ankündigung einer sozialanalytischen Dokumentation zu verstehen, natürlich bis zu einem gewissen Grad als pointierter Kommentar zur Hartz-IV-Gesellschaft, vor allem jedoch als herzliche, wunderbare Komödie mit Bodenhaftung.

Inka Friedrich und Nadja Uhl spielen die beiden Freundinnen mit Hingabe, Charme und Schnauze, und wenn die klügsten Dialoge des Jahres nicht bereits alles gesagt hätten, wäre es der richtige Moment, noch einmal Jochen Distelmeyer das Wort zu überlassen: „Manchmal wenn ich meinen Kopf / ganz zärtlich neben Deinen lege / und wir uns ganz tief, ganz tief / in die Augen sehen / dann weiß ich, worum es hier geht / und dann weiß ich / wo ich hingehöre / und ich denke: / Nieder mit den Umständen!“ Und rauf, auf den Balkon, in einem Sommer in Berlin.

Lautlos

D 2004. R: Mennan Yapo. B: Lars-Olav Beier. K: Torsten Lippstock. S: Dirk Vaihinger. M: Gary Marlowe. P: X-Filme. D: Joachim Król, Nadja Uhl, Christian Berkel, Rudolf Martin, Lisa Martinek, Peter Fitz, Mehmet Kurtulus, Wilhelm Manske, Jale Arikan u.a. 90 Min. X-Verleih ab 29.4.04

 

In Deutschland gebe es, so Produzent Stefan Arndt, mit seinen X-Filmen maßgeblich am heimischen Marktanteil der letzten Jahre beteiligt, im Grunde nur ein einziges Genre – den Deutschen Film. Was damit gemeint ist, wird regelmäßig nach dem Besuch von Filmen wie „Erbsen auf halb 6“ oder „Blueprint“ deutlich, die ebenso bemüht wie betulich daherkommen und allenfalls gut gemeint wirken. Oder aber durch Publikumserfolge wie „Good Bye, Lenin“ und „Das Wunder von Bern“ bestätigt, die ihr Deutschsein zum zentralen Thema erheben. Das Thriller-Genre insbesondere findet im deutschen Kino kaum mehr statt, mutmaßlich beiseite gedrängt durch die Omnipräsenz des „Tatort“ und anderen Krimireihen und Serien im Fernsehen. Selbst ein solch großer Entwurf wie Dominik Grafs „Die Sieger“ vor nunmehr neun Jahren wurde im Kino kaum beachtet.

Nicht nur diesem Umstand verdankt „Lautlos“ eine Sonderstellung im gegenwärtigen deutschen Film – hier ist ein zudem Regisseur am Werk, der die Stilisierung nicht scheut und die Traditionen des Genres in jedem Bild durchscheinen lässt. Natürlich ist alles längst gezeigt, jede Konstellation bereits mehrfach durchgespielt worden. „Lautlos“ versucht daher gar nicht erst, durch aufgesetzte Originalität zu beeindrucken, sondern spult seinen durchaus konventionellen Plot mit kalter Präzision ab. Eine Akribie, die auch seiner Hauptfigur innewohnt, dem Auftragskiller Viktor, der genregemäß einen letzten Auftrag zu erfüllen hat und sich – nicht minder ungeschriebenen Gesetzen folgend – in eine geheimnisvolle Frau, eine Blondine natürlich, verliebt. Sein gleichsam besessener Gegenspieler Lang, ein neudeutsch Profiler genannter Ermittler, rückt ihm kontinuierlich näher auf den Pelz, bis der unvermeidliche Showdown die verwandten Seelen wiederum auseinander sprengt.

Lars-Olav Beiers kluges Drehbuch verzichtet auf die mittlerweile zur Masche verkommenen Last-Minute-Clous und faulen Tricks, seine Stärke liegt in den feinen Details der ansonsten schnörkellosen Geschichte sowie seinen enigmatischen Hauptcharakteren. Der Regiedebütant Mennan Yapo findet in den ruhigen und kargen Scope-Bildern ein perfektes Abbild für die innere Leere der Figuren. Unterstützt durch eine hochkonzentrierte Besetzung, allen voran Joachim Król mit einem gekonnten Imagewechsel, eröffnet „Lautlos“ dem deutschen Genrefilm neue Perspektiven: weder in Anbiederung an amerikanische Manierismen noch durchtränkt von deutschem Biedersinn, sondern durch Kino in seiner reinsten Form – Bewegung und Emotion, notfalls bis zur Schmerzgrenze.

Kebab Connection

D 2004. R: Anno Saul. B: Fatih Akin, Ruth Toma, Jan Berger, Anno Saul. K: Hannes Hubach. S: Tobias Haas. M: Marcel Basotti. P: Wüste. D: Denis Moschitto, Nora Tschirner, Güren Kiraç, Hasan Ali Mete, Adam Bousdoukos, Nursel Köse, Sibel Kekilli u.a. 96 min. timebandits ab 21.04.05

 

Man mag darüber streiten, wer der Multikultidebatte zuträglicher war, ein durchschnittlich pseudotoleranter deutscher Politiker oder etwa die flachen Witzchen eines Kaya Yanar. „Kebab Connection“ jedenfalls steht letzterem deutlich näher, macht aus dem culture clash, den „Jalla! Jalla!“ in Schweden oder „My Big Fat Greek Wedding“ in den USA so erfolgreich thematisiert haben, eine ausgelassene Komödie, deren Entstehungsgeschichte ebenfalls nicht unerwähnt bleiben sollte. Ging doch Fatih Akin seit längerem mit der Idee eines ersten deutschen Kung-Fu-Films schwanger, aus der sich nun die Story um Ibo entwickelte, Amateurwerbefilmer aus dem Hamburger Schanzenviertel mit großen Ambitionen und eben diesem Bruce-Lee-Traum. So gehören auch die Szenen, in denen Ibo seine Filmidee einem Produzenten pitcht, zu den komischsten des gesamten Films – hier gewährt uns der Autor respektive Erfolgsregisseur von „Gegen die Wand“ einen Blick auf die Ängste der eigenen Vergangenheit.

Gewohnt lässig spielt Denis Moschitto diesen Himmelsstürmer Ibo, schwankend zwischen imaginiertem Hollywoodruhm und der nicht ganz gewünschten Schwangerschaft seiner Freundin, die zudem nicht einmal Türkin ist. Die daraus resultierenden Generationskonflikte mit der Großfamilie sind mittlerweile wohlbekannt, nicht zuletzt aus britischen Filmen wie „Kick it like Beckham“ oder „Just a Kiss“. Erfrischend hingegen ist das Aufeinanderprallen mehrerer Kulturen auf engstem Raum, im Freundeskreis oder im Viertel, und die liebevolle Dekonstruktion (sprich Bestätigung) gängiger Klischees über Griechen oder Italiener. Die zweite Generation emanzipiert sich hier über das Scheuklappendenken ihrer Väter und entwickelt somit ein neues Selbstverständnis.

Auch wenn die Inszenierung des Films letztlich kaum über konventionelle Bahnen hinaus geht und gegen Ende die Witze etwas schaler werden, besitzt „Kebab Connection“ doch genügend Schmiss für den kleinen Hunger zwischendurch. Mit alles und scharf – nicht zuletzt durch Sibel Kekillis feurigen Gastauftritt. Mag es auch genügend Gründe geben „Kebab Connection“ zu dissen, ein Film mit Nora Tschirner kann einfach nicht wirklich schlecht sein, das hat selbst „Soloalbum“ nicht geschafft.

Kammerflimmern

D 2003. R,B: Hendrik Hölzemann. K: Lars Liebold. S: Patricia Rommel. M: Lee Buddah, Blackmail. P: Bavaria. D: Matthias Schweighöfer, Jessica Schwarz, Jan Gregor Kremp, Florian Lukas, Bibiana Beglau, Rosel Zech, Volker Spengler, Ulrich Noethen u.a. 101 Min. Constantin ab 03.02.05

 

Ein Film, in dem die Hauptfiguren Crash und November heißen, er Rettungssanitäter, sie die labile, selbstzerstörerische Schwangere – geht’s noch? In dem die Notfallärztin liebevoll Dr. Tod genannt wird, und ein einzelner Herzschlag am Ende nicht das Ende bedeutet – too much?

Mit seinem Regiedebüt lässt Hendrik Hölzemann das unaufgeregte Sich Treiben Lassen seines Buches zu „Nichts bereuen“ hinter sich; der verantwortungsfreie Zivildienst ist Vergangenheit, dies ist der harte Arbeitsalltag mit 20-Stunden-Schichten und anhaltender Ohnmacht angesichts der Hilflosigkeit des eigenen Tuns. Nicht nur einmal stellt sich Crash die Sinnfrage, ständig lebt er an der Grenze der Verzweiflung, in einem Zustand der Entrückung, ein Leben mit Drogen, ein Leben als Droge. Auch November, das schwangere Mädchen, wandelt auf dieser Grenze, sie toleriert die Sucht ihres Freundes, und als dieser an einer Überdosis krepiert, tritt Crash in ihr Leben, nicht als Retter, eher als Begleiter und Verwalter des Todes.

Die lakonische Pragmatik, die schon der Titel von Scorseses artverwandtem „Bringing Out the Dead“ verströmt, kommt in „Kammerflimmern“ allenfalls in den Nebenfiguren zum Ausdruck, in Jan Gregor Kremps dickfelligem Kollegen oder Bibiana Beglaus abgebrühter Ärztin. Crash hingegen, von Matthias Schweighöfer impulsiv gespielt, ist ein Getriebener, verfolgt von einem Kindheitstrauma und der Vision einer Erlösung durch eine junge Frau. Anders als Scorsese dekliniert Hölzemann jedoch keine katholischen Kategorien durch, sondern übergibt seinen Figuren die volle Verantwortung für ihr Handeln und – welch großes Wort – auch für ihr Schicksal. Dass die vor Dramatik und Schuld berstende Geschichte nicht kippt, verdankt sie der klugen Inszenierung und einem engagierten Ensemble mit Mut zur Leidenschaft, auch wenn mitunter ein Kloß im Hals übrig bleibt. „Kammerflimmern“ traut sich etwas, und das verdient großen Respekt.

In einer der eindrücklichsten Sequenzen des Films vermag es Crash nicht, ein suizidgefährdetes Mädchen vom Dach eines Hochhauses zu retten. So sehr er auch ihr Vertrauen gewinnt und sich bereits auf der Siegerstrasse wähnt – der tägliche Kampf gegen den Tod erscheint ihm manchmal als Spiel mit gezinkten Karten – gegen jede erdenkliche Option des Mädchens sind er und seine Kollegen, die unten das Sprungtuch bereithalten, nicht gewappnet. Diese Haltung des Films, dass stets alles möglich ist und geordnete Bahnen nur etwas für Langweiler sind, rückt „Kammerflimmern“ in die Nähe der kraftvollsten deutschen Filme vergangener Jahre.

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