German Movies

Notizen zum Deutschen Film.

Archiv für Filmbesprechungen

Ein göttlicher Job

D 2001. R,B: Thorsten Wettcke. K: Martin Ruhe. S: Britta Paech, Camille Younan, Hansjörg Weißbrich. M: Jule Maas, Nikolaus Sieveking, Peter Hinderthür. P: Wüste. D: Oliver Korittke, Tamara Simunovic, Thierry van Werveke, Heike Makatsch, Andrea Sawatzki, Martin Semmelrogge u.a. 90 Min. Buena Vista ab 19.4.01

Ein mutiger Film. Einer, der aufrüttelt, Tabus auslotet und Grenzen aufzeigt. Ein Film, der Kirchenorganisationen und ähnlich veranlagte Fanatiker vor den Filmtheatern aufmarschieren läßt und “Blasphemie!”-Rufe provoziert. Ein Film, der unbeirrt seine Botschaft deklamiert und Leben verändert. All das ist “Ein göttlicher Job” nicht. Dafür ist er durchgeknallt - und zwar komplett.

Die Story vom mißmutigen Erdengott Jonathan, der nach 1000 Jahren Amtszeit pünktlich zur Millenniumswende seinen Nachfolger im frisch verliebten Comiczeichner Niklas erkennt - Typ: sympathischer Loser - sieht auf der Leinwand noch weitaus bizarrer aus als es sich mit Worten wiedergeben läßt.

In unglaublich billigen Sets - “Raumpatrouille” läßt grüßen - die so etwas wie die Kommandozentrale der Erdengötter darstellen sollen, hat Jonathan seine nicht ganz freiwillige Regentschaft in bester Couch Potato-Manier über die Runden gebracht, die nervende, dauerquasselnde Göttin an seiner Seite bereits (oder erst?) nach 200 Jahren eingefroren und den Dingen auf dem blauen Planeten ihren Lauf gelassen, bis nun die Göttin des Universums ihren Routinebesuch zum Machtwechsel abstattet und ihre Bestürzung ob der Entwicklung der Menschheit kaum zu zügeln weiß.

Jonathan wird in unnachahmlicher Weise von Thierry van Werveke gespielt, und wer seine Auftritte in “Knockin’ On Heaven’s Door” noch im Gedächtnis hat, sollte sich nie wieder ein anderes Bild von Gott machen: lakonisch bis zum Abwinken, knochentrocken sein Humor, minimalistisch die Mimik. Das kosmische Chaos wird zudem von einem nicht minder absurden Krimiplot unterfüttert, in dem die übrigen Darsteller des illustren Ensembles vor keiner noch so absurden Pose zurückschrecken (Bela B. als Techno-DJ Ingo auf einer Theologenparty!) und dem Affen so richtig Zucker geben.

Der Reputation des deutschen Films, dessen Führungsköpfen die Forderung nach der internationalen Konkurrenzfähigkeit längst zum Mantra geronnen ist wie einst das DDR-Ideal vom “Weltniveau”, wird “Ein göttlicher Job” kaum zur Ehre gereichen. Vielmehr ist er das filmische Äquivalent zu Guildo Horns Grand Prix-Auftritt: ein frischer Wind im erstarrten Umfeld und streckenweise einfach saukomisch.

Technische Unzulänglichkeiten und eine einfallslose Kamera werden durch das enorme Tempo locker wettgemacht, die abgefahrensten Ideen immer wieder getoppt. Die Verlautbarung des Verleihs, die erste deusche Trash-Komödie geschaffen zu haben, mag zwar ein wenig anmaßend sein; der Schneid und das Selbstbewußtsein, diesen köstlichen Schmarrn produziert zu haben, verdient nichtsdestotrotz Anerkennung. In diesem Sinne: ein mutiger Film, also doch.

Julietta

D 2001. R,B: Christoph Stark. B: Jochen Bitzer. K: Jochen Stäblein. S: Sandy Saffeels. M: Ballistic Affair. P: teamWorx, Central. D: Lavinia Wilson, Matthias Koeberlin, Barnaby Metschurat, Anne Ratte-Polle, Sibylle Canonica, Uwe Kokisch, Wotan Wilke Möhring u.a. 95 Min. teamWorx ab 6.9.01

Julietta trägt diesen Namen nicht von ungefähr, denn “Julietta” ist in eine Dreiecksgeschichte verstrickt. Und wie alle Dreiecksgeschichten des Kinos muß sich “Julietta” mit der Erinnerung an Truffauts “Jules & Jim” messen - so ist der Titel zumindest eine kleine Hommage. “Julietta” basiert zudem auf Motiven aus Heinrich von Kleists “Marquise von O”; diese Tatsache wird allerdings erst im Abspann kundgegeben, schließlich soll das Zielpublikum nicht vergrault werden.

Doch in Zeiten, da jede zweite High School-Komödie auf Shakespeare fußt, wieso nicht mal ein Raver-Kleist? Das Zielpublikum darf sich dann auch in den ersten zehn Minuten selbst betrachten, der Film beginnt auf der Love Parade und wartet mit den obligaten Bildern auf - zappelnde Kids, Ecstasy-Trips und Pinkeln in den Tiergarten. Und mittendrin Julietta, 18jähriges Girlie aus der ach so miefigen Provinz Stuttgart. Ein Pillchen zum Glücklichmachen, ein hektischer Quickie mit ihrem flippigen Freund im Fotofix - so sind sie, die jungen Dinger, würde Harald Schmidt entgegnen. Dumm nur, daß the drugs don’t work und Julietta vom schlechten Trip das Bewußtsein verliert. Doch ihr Retter naht, bringt sie in Sicherheit und - schläft mit der ohnmächtigen Julietta. So sind wiederum die jungen Kerle, sagt der Film - immer auf der Suche nach der unkomplizierten Nummer. Vertrackt wird’s erst, als Julietta merkt, daß sie schwanger ist.

Und spätestens ab hier will der Film zuviel. Das Lebensgefühl einer Generation im Partyrausch einfangen, den Konflikt der Generationen thematisieren - Julietta verläßt die ohnehin schon entzweite familiäre Einheit - die Emanzipation einer unverstandenen Jugendlichen ausbreiten - der Film übernimmt sich und strauchelt auf halbem Weg. Analog dazu die Bilder, immer ein bißchen zu chic, eine Spur zu glatt - ein Film in der Klemme zwischen Authentizität und Synthetik. Dabei zeigt Debütregisseur Christoph Stark doch mitunter, wie es gehen könnte: Eine eigentlich ziemlich abgenutzte Lichtmetapher bringt für wenige Minuten neuen Glanz in die Geschichte, wunderbar reduziert und doch so wirkungsvoll.

Das Casting schließlich komplettiert das Dilemma von “Julietta”: Der Film verfügt mit Lavinia Wilson über eine entwaffnend natürliche Hauptdarstellerin, ihre männlichen Gegenparts Matthias Koeberlin und Barnaby Metschurat sind dagegen zwei Totalausfälle. Somit ist zumindest Juliettas finale Entscheidung ein Schritt in die richtige Richtung, den deutschen Jugendfilm bringt dieses Werk indes keinen Deut weiter.

Grüne Wüste

D 1999. R: Anno Saul. B: Swenja Karsten. K: Gero Steffen. S: Ingrid Broszat. M: Marcel Barsotti . P: Trebitsch. D: Tatjana Trieb, Robert Gwisdek, Martina Gedeck, Ulrich Noethen u.a. 100 Min. Lichtmeer ab 25.1.01

 

“Life is what happens to you while you’re busy making other plans”, stellte John Lennon bereits vor mehr als 20 Jahren fest. Dieses Dilemmas ist sich auch “Grüne Wüste” schmerzlich bewußt. Er kann zwar ebenso wenig verhindern, daß das kleine, dreckige, aufregende Leben und hochtrabende, hoffnungsvolle Pläne selten zusammenfinden - zumindest aber unternimmt er einen sehenswerten Versuch.

Die 14jährige Katja steht am Abgrund, auf den Mauern “ihrer” Burgruine, inmitten “ihrer” grünen Wüste. Herunterstürzen ist eine Option, die Herausforderung des Lebens anzunehmen die andere. Eines Lebens, daß bis vor kurzem noch so sorglos schien, zumindest auf dem Abenteuerspielplatz ihrer kindlichen, überschaubaren Welt, die jedoch sehr bald an allen Enden Risse zeigt: Ihr bester Freund Johann erkrankt plötzlich an Leukämie, das sensible Gleichgewicht ihrer Familie gerät aus dem Takt.

Katja steht vor einem Neuanfang. Diesen Spagat vollführt auch der Film selbst. Leicht hätte “Grüne Wüste” auf dem Niveau durchschnittlicher TV-Romane landen können, mit Fokus auf dramatischen Szenen, pathetischer Leidensdarstellung. Ganz frei davon ist der Film beileibe nicht, nutzt er doch bisweilen schamlos das Auf und Ab von Johanns Krankheit zur Manipulation der Gefühle. Doch zumeist umschiffen die einfühlsame Regie und die ruhige Kameraführung diese Klippen der Trivialität.

In seinem ersten Kinofilm gelingt es Anno Saul, den abrupten Abschied von der Kindheit glaubhaft zu entwickeln und in sorgfältig komponierte Bilder zu kleiden. Auch die für einen deutschen Film erstaunlich stimmige Musik von Marcel Barsotti hält die Balance zwischen intimer Spannung und großen Emotionen. Den wesentlichen Anteil zum Gelingen des Films tragen jedoch die durchweg erstklassigen Leistungen der Schauspieler bei.

Tatjana Trieb und Robert Gwisdek sind Katja und Johann; voller Elan zu Beginn, trotzig und zornig im folgenden, doch stets beeindruckend natürlich und mitreißend. Martina Gedeck offenbart in ihrer pointierten Darstellung die ganze Unsicherheit und Selbstgefälligkeit von Katjas Mutter, schafft ein Wechselbad der Gefühle. Ulrich Noethen und Heino Ferch geben ihren konträren Rollen ein unverwechselbares Gesicht, frei von aufgesetzten Manierismen.

Ein authentischer Film über Jugendliche ist selten geworden in diesen Tagen, in denen das Revival des Teeniefilms ganze Flutwellen pubertärer Witzchen in die Kinos spült. Umso erfreulicher ist es daher, einen deutschen Film zu sehen, in dem der Horizont der Protagonisten nicht vom letzten Joint oder der Aussicht auf Entjungferung benebelt ist. Ein Sieg des Lebens, letztlich.

Venus & Mars

D 2000. R: Harry Mastrogeorge. B: Ben Taylor. K: Martin Fuhrer. S: Donn Cambern. M: Nathan Barr. P: Atlantis/ Mitteldeutscher Filmkontor. D: Daniela Lunkewitz, Lynn Redgrave, Julie Bowen, Michael Weatherly, Julia Sawalha, Ryan Hurst, Fay Masterson, Hella von Sinnen u.a. 90 Min. Buena Vista ab 15.3.01

 

Vielleicht liegt es ja an ihrem Namen, daß Daniela Lunkewitz bisher nicht zur großen Filmkarriere durchstarten konnte. Winona Horowitz hat sich schließlich auch wohlweislich in Ryder umbenannt. Ebenso möglich, daß sie mit ihren langen, dunklen Haaren einfach den falschen Typ verkörpert. Deutschland liebt nun mal seine Blondinen, sei es die unsägliche “Haaaloo, Frau Ferres!” oder Kleiderständer wie Claudia Schiffer und Heidi Klum; das einzig aktuelle dunkelhaarige Fräuleinwunder aus deutschen Landen, die omnipräsente Verona Feldbusch, ist zumindest “blond inside”. Aber wahrscheinlich ist es einfach die zumeist unglückliche Rollenwahl, die Daniela Lunkewitz nach einem vielversprechenden Start mit Nebenrollen in Katja von Garniers “Abgeschminkt!” und Ralf Huettners “Der Papagei” den Weg an die Spitze verbaute. Auch ihr aktueller Film “Venus & Mars” fällt in diese Kategorie, und er fällt sehr tief.

Erzählt wird die Geschichte vierer Freundinnen, die sich anläßlich des Todes ihres geliebten Trainers in ihrem Heimatkaff Himmelsgarten (sic!) irgendwo in Mitteldeutschland wieder treffen. Jede der Frauen hat so ihre Probleme mit der Liebe und der Männerwelt und steht kurz davor, Schokolade zu ihrem besten Freund zu erklären. Doch natürlich wartet der jeweilige Traumprinz “just around the corner”, und nach dem obligatorischen Geplänkel und Rumgezicke - insbesondere in der zentralen Romanze zwischen Daniela Lunkewitz und dem amerikanischen Posterboy Michael Weatherly - findet jeder Pott seinen Deckel.

Was sich ein wenig nach “Rosamunde Pilcher, MDR-Style” anhört, ist in Wahrheit noch schlimmer: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit einem Film aufzuwarten, der dramaturgisch, moralisch und technisch nur knapp das Niveau des Heimatfilms der 50er Jahre erreicht, ist schon eine einsame Leistung. Die Hauptschuld trägt zweifelsohne das Groschenroman-Drehbuch von Ben Taylor, dessen Vorstrafenregister bereits die irre komischen Verwicklungen von “Affären” (ebenfalls mit Daniela Lunkewitz), “Mr. Bluesman” und “Stadtgespräch” aufweist. Situationskomik, wie sie sich nicht einmal mehr RTL traut, und pseudoromantische Allgemeinplätze geben sich hier die Klinke in die Hand, gelegentlich unterbrochen von einem astrologischen Überbau, der das Ganze vollends der Lächerlichkeit preisgibt. Regisseur Harry Mastrogeorge, laut Presseheft “einer der angesehensten Schauspiellehrer Amerikas” und Kameramann Martin Fuhrer bemühen sich zudem redlich, das Niveau der Story nicht unangemessen zu überbieten und liefern eine Inszenierung ab, dessen Tempo auch das “Derrick”-geschulte Auge nicht überfordern dürfte.

Ein solcher Film ist sicher schnell vergessen - dramaturgisch ähnlich konzipierte Daily Soaps leben ja von der 24-Stunden-Amnesie - es bleibt allerdings die Frage offen, weshalb des Autors Bedürfnis nach einem allumfassenden Happy End dermaßen stark ist, daß die finalen zehn Minuten ohne Insulinspritze kaum zu überstehen sind? Harmoniesucht ist hoffentlich heilbar, ebenso die vorsätzliche Ausbeutung kleinstädtischer Schrulligkeiten, die wohl zum Charme des Films beitragen sollen. Provinzploitation, könnte man sagen.
Bleibt allein Daniela Lunkewitz, die sich zumindest in der Rolle der Leading Lady sichtlich wohl fühlt und außerdem als ausführende Produzentin fungiert. Retten kann sie den Film indes auch nicht; “Venus & Mars” gehört vielmehr auf den Mond geschossen, im Nachmittagsprogramm des mdr weggesendet oder als abschreckendes Beispiel künftigen Autorengenerationen vorgeführt - alles, nur nicht ins Kino.

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